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Vortrag Festkommers

Vortrag zum Festkommers TVG 90 Jahre – 70 Jahre Handball

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Mitglieder des TVG!

Bei einer Geburtstagsfeier wie wir sie heute begehen, ist es üblich, einige Worte über das Leben des Jubilars zu verlieren und auf seinen Werdegang zurück zu blicken. Wenn es sich dabei jedoch um einen ganzen Verein handelt, der zudem mit seinem 90-jährigen Bestehen noch einen runden Geburtstag feiert, ist es mit ein paar allgemeinen Worten nicht getan.

Wie viel es über den TV Großenmarpe-Erdbruch zu sagen gäbe, lässt sich am Umfang dieses BUCHES erahnen, dass ich im Zuge der sportgeschichtlichen Beschäftigung mit dem TVG erarbeitet habe. Dieses Werk kann übrigens von allen, die es noch genauer wissen möchten, bei Willi Fasse ausgeliehen werden.

Es trägt den Titel: „Ein dörflicher Turnverein in Lippe. Die Geschichte des TV Großenmarpe-Erdbruch von seiner Gründung (1912) bis in die 70er Jahre.“

Damit werden sozusagen die Kinder- und Jugendjahre des Vereins beleuchtet und seine Entwicklung bis zum Rentenalter. Und um diese Zeit soll es vorrangig in den nächsten Minuten gehen. Wie frisch und jugendlich ein Verein auch nach 90 Jahren noch ist, haben die meisten Anwesenden wohl selbst mit erlebt und wir sehen es auch heute.

Ich möchte sie deshalb zu einer – hoffentlich spannenden – Reise in die entferntere Vergangenheit des TVG einladen. Dass dabei nur kurz an markanten und entscheidenden Stationen halt gemacht werden kann, und lediglich einige Schlaglichter auf die Vereinsgeschichte geworfen werden, versteht sich wohl von selbst.

Neun Jahrzehnte Vereinsgeschichte, das bedeutet für den TVG eine Entwicklung im Rahmen der wechselvollen deutschen Geschichte. Durch vier völlig verschiedene Epochen und politische Systeme hindurch: Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialistische Diktatur, Bundesrepublik. Unter zeitweise großen Schwierigkeiten: zwei Weltkriege, die Inflationszeit 1923, Weltwirtschaftskrise 1929/30, die Wiederaufbaujahre nach 1945.

Und dennoch konnte sich ein zunächst kleiner Dorfverein auf dem Lande von Beginn an einen so regen Zuspruch sichern, dass heute bei über 600 Vereinsmitgliedern rund die Hälfte der Großenmärper und Erdbrucher dem TVG verbunden sind.

Angesichts einer solchen „Erfolgs-Story“ drängen sich einige Fragen auf:

Welchen Einfluss hatten die zahlreichen Veränderungen der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland und insbesondere in Lippe auf die Vereinsentwicklung?

Wie war eine erfolgreiche und scheinbar kontinuierliche Entwicklung unter den so wechselhaften Bedingungen möglich?

Wer gab dafür entscheidende Impulse und immer wieder neue Anstöße auch in schwierigen Zeiten?

Den wohl bedeutendsten und zugleich ersten „Anstoß“ gaben 58 Männer aller Altersklassen zwei Tage vor Weihnachten des Jahres 1912. Die Gründungsversammlung des TVG fand genau hier statt, wo wir heute sitzen: im Saal des damaligen Lokals Gees.

Die Geburtsstunde des TVG war jedoch alles andere als ein Zufall. Es gab als Vorbilder zu dieser Zeit schon Turnvereine in der Umgebung: In Bega seit 1909, in Herrentrup seit 1905 und in Reelkirchen seit 1906. Und auch in den damals noch eigenständigen Gemeinden Großenmarpe und Kleinemarpe, zu der Erdbruch gehörte, gab es bereits Vereine: einen Kriegerverein von 1892 – übrigens sehr wahrscheinlich der Vorläufer des Schützenvereins, der deshalb in diesem Jahr eigentlich sein 110-Jähriges Bestehen feiern müsste – und einen der für Lippe so typischen Zieglervereine. Aber eben noch keinen Turnverein. Dieser Mangel war auch von der Ortsbevölkerung, vor allem den Jugendlichen und jüngeren Männern, schon angemahnt worden, wie diese ZEITUNGSMELDUNG aus der Lippischen Landeszeitung verdeutlicht.

Das dort genannte „Komitee“, das die Vereinsgründung sorgfältig vorbereitet hatte, bestand aus 11 Männern, die als „Turnfreunde“, also passive Mitglieder, bezeichnet wurden. Fast alle Namen dieser Gründungsväter des TVG sind bis heute mit Großenmarpe eng verbunden: SCHRÖDER, TRACHTE, AHRENS, BUNTE, SCHNITTCHER, GROßKURTH, DWARS, WURTHMANN, GEES, DOHMEIER. Wenn man hier in die Runde guckt, sind eine ganze Reihe von Kindern, Kindeskindern und Verwandten dieser Gründer des TVG heute hier.

Das erhaltene GRÜNDUNGSPROTOKOLL, in schönster altdeutscher Handschrift von Friedrich Möller aus Erdbruch, dem ersten Schriftwart und Protokollführer des Vereins, verfasst, besagt aber noch mehr.

Von Anfang an wollte der Turnverein nicht allein auf Großenmarpe beschränkt bleiben, sondern den damals noch Kleinenmärper Gemeindeteil Erdbruch mit einbeziehen. Bis heute drückt sich diese grenzüberschreitende Idee über die Marpe hinweg in dem seit der Gründung nie geänderten Vereinsnamen aus.

Dass ausschließlich Männer dem soeben gegründeten Verein beitraten – davon 11 Jugendliche und Schüler, die sogenannten „Zöglinge“ – war noch bis in die 30er Jahre die Regel. Erst ab 1932 fanden für kurze Zeit auch Frauen und Mädchen Aufnahme im TVG. Eine eigenständige Frauen-abteilung konnte sich jedoch erst nach dem 2. Weltkrieg dauerhaft etablieren.

Erstaunen mag, dass als Übungsleiter ausschließlich „Turnwarte“ gewählt wurden, und nicht etwa Sport- oder Spielwarte. Bis nach dem 1. WK wurden – ganz im Gegensatz zu heute – im TVG ausschließlich Geräteturnen und „volkstümliche Übungen“ als Vorläufer der Leichtathletik, betrieben. Der Handballsport, dessen 70-jähriges Jubiläum wir heute mit begehen, kam erst viel später, genau genommen schon 1931, hinzu. Zur Gründungszeit war das heutige sportliche Aushängeschild des Vereins noch gar nicht „erfunden“.

Und die Fahne, die der Verein bei seiner Gründung aus Geldmangel nicht beschaffen konnte, ist erst zur 75-Jahrfeier 1987 angeschafft worden – deshalb brauchte man bei der Gründung auch noch keinen Fahnenwart.

Eines der drängendsten Probleme nach der Gründung war die Versorgung mit geeigneten Räumlichkeiten für die turnerischen und auch geselligen Aktivitäten. Als Vereinslokal wurde unser heutiges bestimmt, damals noch im Besitz von August Gees, Vater des stellvertretenden Schriftwarts Albert Gees.

Aber der Dorfkrug war nicht nur als Treffpunkt und Sitzungsort von Bedeutung: Bis in die 60er Jahre hinein war dieser Saal der Ersatz für eine Turnhalle! Hier wurden die Übungsabende und Turnwettkämpfe mit anderen Vereinen abgehalten. Wegen seiner Größe wurde der Saal liebevoll im besten Lippisch „CHEES HALLE“ genannt.

Für 1 Mark pro Turnabend, später jährlich 100 Mark Miete, hatte der junge Verein damit eine Turnhalle zur Verfügung. Die neuerlich debattierte Idee, den Vereinen Nutzungsgebühren in Rechnung zu stellen, ist also eigentlich Schnee von vorgestern.

Selbst wenn es im Sommer in „Chees Halle“ zu heiß und im Winter trotz der aufgestellten Öfen zu kalt war, ja selbst wenn zu Beginn der Übungsstunden erst noch Biergläser und Tische von einer Feier am Vortag weggeräumt werden mussten oder es wieder einmal durch das Dach regnete: dies konnte die Turner wie auch später sogar die Handballer nicht davon abhalten, sich regelmäßig und in zunehmender Zahl zu den Übungs- und Trainingsstunden hier einzufinden.

Einige werden sich sogar noch daran erinnern, dass der Wurfkreis für das Handballtraining mit Bierdeckeln markiert werden musste, da wegen der Nutzung als Festsaal keine festen Markierungen angebracht werden durften.

Und manche Riesenfelge am Reck konnte doch nicht mit voller Streckung geturnt werden, um nicht mit den Hacken im Dachstuhl hängen zu bleiben.

Und natürlich wurde hier von Beginn an gerne und im größeren Rahmen zusammen mit auswärtigen Gästen zu Pfingsten das sogenannte „Sommerfest“ und im Dezember als Gründungsfest ein Weihnachtsball gefeiert. Vor allem in den Gründungsjahren des TVG floss dadurch dringend benötigtes Geld in die fast immer leere Vereinskasse.

Was nach der Gründung noch fehlte, waren selbstverständlich die Turngeräte. Wie es nun mal lippische Art ist, sollten sie möglichst preisgünstig beschafft werden. Bei der großen Anzahl der örtlichen Handwerker, die zudem oftmals Vereinsmitglieder waren, war dies leicht zu bewerkstelligen: So schweißte Schlosser Heinrich Brinkmann für 38 Mark das erste Turnreck des TVG, Tischlermeister und Turnwart Wilhelm Bunte baute Sprungbretter und Pfosten für den Hochsprung, Sattler und Polsterer Gustav Bunte stellte die ersten Turnmatten für den Verein her – natürlich kein Vergleich zu den heutigen Weichboden-Matten.

Wie geschickt die Wahl eines örtlichen, selbstständigen Handwerksmeisters zum ersten Vorsitzenden gewesen war, zeigt die kostspielige Anschaffung des ersten Turnpferdes. Vorsitzender und Malermeister Karl Dwars übernahm selbst die Bürgschaft für die benötigten 100 Mark – damals ein Gegenwert von mehr als einem Monatseinkommen. Die Notwendigkeit eines solchen Kredits erklärt ein Blick auf die ersten Mitgliedsbeiträge aus der Vereinssatzung von 1912: Turner, die zwischen 18 und 25 Jahre alt waren, mussten 30 Pfennig im Monat zahlen, „Zöglinge“ bis 17 Jahre 15 Pfennig. Abgerechnet wurde noch jeden Monat. Und die „Turnfreunde“ als passive Mitglieder zahlten 3 Mark pro Jahr. Zusätzlich mussten einmalige Aufnahmegebühren von einer bzw. zwei Mark entrichtet werden. So günstig waren die Beiträge nie wieder!

Als regionale Besonderheit mussten die Vereinsmitglieder, die zwischen April und Oktober als wanderarbeitende „Ticheler“ in die aufblühenden Industrieregionen zogen, nur für die Monate ihrer Anwesenheit am Ort in die Vereinskasse zahlen. Bis in die 1920er Jahre betraf diese Sonderregelung etwa ein Fünftel der TVG-Mitglieder!

Im Frühjahr 1913 kam der Turnbetrieb mit der nötigen Grundaustattung in Chees Halle richtig in Schwung. Nicht zuletzt die ersten öffentlichen Auftritte wie das Turnfest des TV Istrup im Mai 1913 machten den neugegründeten Dorfverein recht schnell bekannt. Bis zum Ausbruch des 1. WKs traten 40 neue Mitglieder dem Verein bei, so dass 1914 schon fast 100 Vereinsmit-glieder gezählt wurden.

Der 1. WK bedeutete zugleich den ersten großen Einschnitt für den TVG: Das Vereinsleben stagnierte aufgrund der steigenden Zahl von Einberufungen der jungen Männer und kam schließlich ganz zum Erliegen. Schon im Oktober 1914 – nur 3 Monate nach Kriegsausbruch – gab es jedoch ganz andere Gründe für eine eingeschränkte Vereinstätigkeit. Die Übungsabende der Turner mussten ausfallen, da es kriegsbedingt nicht mehr genügend Petroleum gab, um den Saal zu beleuchten.

Von den insgesamt 98 Vereinsmitgliedern waren 75 Männer aktive Teilnehmer des 1. WKs – darunter sämtliche Übungsleiter, die damals noch als „Vorturner“ bezeichnet wurden.

Der Turnbetrieb und das gesamte Vereinsleben der 23 überhaupt noch in Großenmarpe oder Erdbruch verbleibenden älteren Männer und Jugendlichen kam im März 1916 völlig zum Erliegen. Im Protokollbuch heißt es dazu, es sei beschlossen worden, „die Versammlungen und die Turnstunden wegen der vielen Einberufungen zum Heeresdienst bis zum Ende des Krieges nicht mehr abzuhalten.“

Trotzdem zeigte der Verein eine große Verbundenheit mit seinen Mitgliedern an der Front: Vom letzten Geld aus der Vereinskasse erhielt jeder TVG-Turner als Gruß aus der Heimat 2 Päckchen Tabak und eine Flasche Schnaps!

Fast drei Jahre lang – bis zum Februar 1919 wurde in Großenmarpe nicht mehr geturnt und es wurde auch keine der sonst üblichen Monatsver- sammlungen mehr abgehalten.

20 Mitglieder des TVG sind im 1. WK gefallen. Von diesem Mitgliederverlust in Höhe von fast 20% konnte sich der Verein erst nach dem 2. WK erholen.

Nach Kriegsende wurde der Vereinsbetrieb mit einem nahezu unveränderten Vorstand wieder aufgenommen. Durch den Kriegstod mussten nur wenige Ämter neu besetzt werden. Dabei wurde mit Gustav Krome zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte ein Lehrer der Großenmärper Schule als Kassierer gewählt. Dies wurde bald zu einer Tradition, mit der auch eine engere Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein angestoßen wurde. Auch die in jüngster Zeit wieder aufblühenden engen Kontakte zur Grundschule haben also ihren Ausgangspunkt in den Kindertagen des Vereins.

Das erste Vereinsfest nach dem 1. WK wurde zu Pfingsten 1919 hier auf dem Saal gefeiert. Nach dem Schauturnen am Nachmittag wurde abends ein großer Festball abgehalten. Um auch für die Nachwelt festzuhalten, dass der TVG wieder da ist, wurde das heute älteste FOTO geschossen. Ein Großteil der Turnabteilung ist darauf zu sehen.

Die beiden im feinsten Sonntagsanzug gekleideten Herren sind – links – der 1. Vorsitzende Karl Dwars und – rechts - der Kassierer und Lehrer Gustav Krome.

Der Hintergrund des Fotos kommt uns wohl sehr bekannt vor: es ist der Treppenaufgang zur Kneipe, der heute noch fast genauso aussieht!

Mit dem Jahr 1919 begann für den TVG die bis dahin turnerisch und bald auch sportlich aktivste und erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte.

Das Interesse am Turnen war so groß, dass 1927 neben Schüler-, Jugend- und Männerriegen sogar eine „Altersriege“ für die über 25-Jährigen

eingerichtet wurde.

An den zahlreichen Turnfesten und Wettbewerben auf Vereins-, Bezirks- und Gauebene beteiligten sich immer mehr TVG-Mitglieder, und die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Vor allem die Jugendlichen konnten immer wieder mit Auszeichnungen – den sogenannten „Kränzen“ aus Eichenlaub – auf sich aufmerksam machen.

Ab Mitte der 20er Jahre finden sich Namen wie Wilhelm Hilmert (senior), der 1928 Lippischer Jugendmeister im Reckturnen wurde, Fritz Machendanz und August Ahrens immer wieder unter den besten 10 in den Siegerlisten. Sie alle waren dem TVG 1920 als Schüler gemeinsam beigetreten – wohl nicht zuletzt aufgrund der guten Zusammenarbeit zwischen dem Verein und der Großenmärper Schule.

In der Altersklasse der 20- bis 25-Jährigen tauchen ebenfalls bekannte Namen immer wieder in den Siegerlisten der Gauturnfeste von 1920 bis 1929 auf, wobei wohlgemerkt ausschließlich im Geräteturnen Meisterschaften ausgetragen wurden: Wilhelm Bunte, Paul Möller, Walter Möller, Heinrich Dohmeier junior, Wilhelm Brinkmann, Fritz Möller, Albert Schnittcher und Fritz Meier machten den TVG durch ihr turnerisches Können in ganz Lippe bekannt.

Offenbar waren es bald so viele Auszeichnungen und Preise, dass der chronisch finanzschwache Dorfverein die übliche Einrahmung der „Kränze“ nicht mehr aus der Vereinskasse bezahlen konnte. 1926 heißt es dazu im Protokollbuch:

„Das Einrahmen der Kränze von auswärtigen Wettkämpfen kann vom Verein aus nicht mehr geschehen und soll vorläufig unterbleiben. Die Kosten für die Einrahmung in Holz unter Glas würden sich pro Kranz auf 27 Mark belaufen, die hohen Beträge ist der Verein nicht in der Lage aufzubringen.“

Zwischen 1920 und 1933 erlebte nicht nur die gesamte deutsche und auch die lippische Turnbewegung einen ungeahnten Aufschwung. Von England kommend breitete sich auch der moderne Sport mit „König Fußball“ bis in die kleinsten Dörfer aus. In der Deutschen Turnerschaft, dem Fachverband, dem auch der TVG angehörte, wurden andere Ballspiele gefördert. Vor allem das Feldhandballspiel und das Turnerspiel schlechthin: Faustball - als Spiel über die Schnur dem Volleyball vergleichbar.

Schon bald gab es im TVG die erste FAUSTBALL-JUGENDMANNSCHAFT.

Das Bild von 1927 ist hier auf dem Saal aufgenommen worden und zeigt im Hintergrund viel von der Ausstattung: oben links sind einige der angesprochenen „Kränze“ von auswärtigen Turnwettkämpfen zu erkennen, rechts ragt das Ofenrohr für die Beheizung bis ins Dach.

Das größte Problem, das sich mit der Aufnahme von Spielsportarten stellte, war der noch immer fehlende Sportplatz. Zehn Jahre lang beschäftigte eine angemessene Lösung immer wieder den Vereinsvorstand.

Zwar gab es in Lippe – eine Besonderheit in der deutschen Sportgeschichte – schon seit 1922 ein „Spielplatzgesetz“, das für Gemeinden mit über 500 Einwohnern die Einrichtung eines Sportplatzes vorschrieb. Doch nicht zuletzt aufgrund der Inflation von 1923 konnte der Großenmärper Gemeinderat dieser Verpflichtung nicht nachkommen. Für 500.000 Mark konnte man sich auf dem Höhepunkt der Inflation gerade noch eine Liter Milch kaufen!

Da halfen auch die zahlreichen Briefe, persönlichen Gespräche und Bitten des Vereins um die Zuweisung eines geeigneten Geländes wenig. Außerdem wurde der Gemeinderat von landwirtschaftlichen Interessen dominiert – für Sport war gutes Ackerland gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu schade!

Zunächst wurde daher behelfsmäßig auf einer Wiese hinter Kohrings Hof Faustball gespielt und die leichtathletikähnlichen „volkstümlichen Übungen“ im Laufen, Springen und Werfen trainiert.

Ab 1924 versuchte der TVG-Vorstand eben genau das Gelände, wo der heutige Sportplatz ist, zu pachten und auszubauen: die alte Krügersche Mergelkuhle in Erdbruch.

Aber der Aufwand, den ehemaligen Steinbruch als Sportgelände – natürlich in Eigenleistung – herzurichten, erwies sich als zu hoch für die angespannte Lage der Vereinskasse. Zudem fielen in den Sommermonaten regelmäßig die notwendigen Arbeitskräfte wegen der Erntearbeiten und der abwesenden Wanderarbeiter aus.

Doch recht bald duldete das Sportplatzproblem keinen weiteren Aufschub. Denn im März 1931 kam es zu der bis heute einschneidensten Erweiterung des Sportangebots des TVG: die Handballabteilung, deren 70. Geburtstag wir heute feiern, wurde offiziell gegründet. Damit entstand, genau genommen vor mehr als 70 Jahren, die bis heute neben Turnen und Leichtathletik dritte tragende Säule des TVG!

Das Feldhandballspiel, das während des 1. WKs als Winterspiel für Frauen in Berlin „erfunden“ worden war, fand seit 1920 in Lippe von den Städten aus rasche Verbreitung. Sehr wahrscheinlich war dies eine Antwort der Turnvereine auf die Verbreitung des Fußballs in den Sportvereinen.

Hier im Dorf waren es mit großer Sicherheit die jungen Männer aus der Faustballmannschaft, die in der Schule mit dem neuen Spiel vertraut gemacht wurden und es in den Verein hinein trugen.

So kann man Wilhelm Hilmert senior, Fritz Machendanz, August Ahrens, Wilhelm Trachte, Gustav Bunte junior und dazu noch Wilhelm Brinkmann als die „Handballväter“ bezeichnen. Sie zählten zu den Begründern der Handballabteilung im TVG. Es ist also eher einer privaten Initiative zu verdanken, dass heute seit mehr als 70 Jahren in Großenmarpe Handball gespielt wird.

Im Protokollbuch heißt es dazu im März 1931 sehr schlicht:

„Es wird beschlossen, im Verein auch Handball zu spielen. Ein Handball ist bereits gekauft, da dieses aber vorher nicht beschlossen wurde, gibt der Verein nachträglich seine Einwilligung.“

Nun musste endgültig ein Sportplatzgelände eingerichtet werden, um die Freundschafts- und Serienspiele im Feldhandball austragen zu können.

Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: Handball war für die Turner immer noch nur eine Ergänzungssportart zum Geräteturnen, zur Leichtathletik und den sogenannten „Sommerspielen“ Faustball, Schlagball und Schleuderball.

Handball wurde ausschließlich im Winter, zwischen Oktober und April, gespielt – und selbstverständlich draußen!

Diesmal richtete der TVG sich mit Erfolg an die Gemeinde Großenmarpe: Im Mai 1931 konnte das Gelände zwischen der heutigen Neustadt und der Ostwestfalenstraße von Landwirt Diekmeier aus Wöhren gepachtet werden.

Schon die bald gebräuchliche Bezeichnung „Höpper-Anger“ gibt Aufschluss über die Qualität des ersten Sportplatzes der Vereinsgeschichte. Besonders im Herbst und Winter stand der Platz regelmäßig unter Wasser, das Gelände fiel von der Neustadt her nach unten ab – und mit etwa 80 Metern war das Spielfeld viel zu kurz.

Für eine Einebnung, geschweige denn für Umkleidekabinen oder sanitäre Einrichtungen, fehlten der Gemeinde und dem Verein ohnehin das Geld. Denn nach 1929/30 breitete sich in ganz Deutschland die Weltwirtschafts- krise und im Gefolge eine Massenarbeitslosigkeit aus – davon blieben auch etliche Vereinsmitglieder nicht verschont.

Trotzdem wurde bald beschlossen, durch Eintrittsgelder zu den Handball- spielen die Vereinskasse aufzubessern: für 50 Pfennig für Erwachsene und einen Groschen für Kinder und Jugendliche konnte man sich jeden Sonntag das sportliche Treiben auf dem „Höpper-Anger“ ansehen. Für die Dorfbe- völkerung war der neue Sport eine gern gesehene Attraktion: 150 bis 200 Zuschauer waren keine Seltenheit, und das obwohl die erste Herrenmann-schaft zunächst in der niedrigsten Spielklasse ihren Platz hatte.

Doch schon in der Serie 1932/33 konnte der Aufstieg in die „Meisterklasse“ – der höchsten Spielklasse auf der Ebene des Lippischen Turngaues – gefeiert werden.

Nicht nur in handballsportlicher Hinsicht, sondern nach wie vor auch turnerisch war das Jahr 1932 das wohl erfolgreichste in der Vereinsge-schichte: nicht weniger als 45 „Kränze“ und Urkunden gingen nach Großen-marpe.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde dann für die gesamte deutsche Turn- und Sportbewegung ein gänzlich neues Kapitel aufgeschlagen.

Alle gesellschaftlichen Bereiche sollten – wenn nötig auch durch Gewalt und Zwang - auf das Hitler-Regime ausgerichtet werden. Und der Sport war längst als wichtiger Bereich der Freizeitkultur anerkannt.

Auch der TVG wurde unter der Formel der diktatorischen „Gleichschaltung“ von Umstrukturierungen und Neuordnungen erfasst.

Zunächst bedeutete dies, dass der Verein sich im Mai 1933 der „Gleichschal-tung“ unterzog: die Namen aller Vorstandsmitglieder mussten dem Lippischen Turngau gemeldet werden, dazu ihre politische Parteizugehörig-keit. Der Vereinsvorsitzende, der nun als „Vereinsführer“ bezeichnet wurde, sollte in jedem Falle Mitglied der NSDAP sein.

ABER: Für den TVG änderte sich hierdurch überhaupt nichts. Heinrich Trachte wurde als Vorsitzender einstimmig wieder gewählt – und auch der übrige Vorstand blieb völlig unverändert im Amt. Und das, obwohl keiner der Männer der NSDAP angehörte.

Das auch für das Vereinswesen angeordnete „Führerprinzip“ bedeutete jedoch, dass ab 1934 die Mitglieder kein Wahlrecht mehr hatten, sondern sämtliche Ämter durch Ernennung durch den TVG-Vorsitzenden besetzt wurden. Ab 1935 konnten auch die sogenannten „Vereinsführer“, im TVG war dies nun Wilhelm Schröder aus Erdbruch, von den Machthabern jederzeit abgesetzt werden. Außerdem hatte die Partei das Recht, einen Turnverein aufzulösen und sich das Vermögen anzueignen.

Da unter diesen Umständen eine geregelte und ungezwungene Vereins-arbeit immer schwieriger wurde, beschlossen viele Vereinsmitglieder den Austritt. Bis Mitte des Jahres 1934 sank die Zahl um 24 – auf 58 Vereinsmitglieder; im Dezember 1934 erreichte sie mit 47 Mitgliedern ihren absoluten Tiefstand seit der Vereinsgründung.

Und sogar Vereinsfeste, die für den Dorfverein eine überlebenswichtige Einnahmequelle darstellten, sollten nach dem Willem der nationalsozialisti-schen Machthaber nun politischen Kundgebungen dienen. Der TVG hat darauf mit einem Verzicht auf sämtliche größeren Feierlichkeiten geantwortet: Zwischen 1933 und 1945 wurde weder der traditionsreiche Weihnachtsball noch das finanziell ebenso wichtige Sommerfest abgehalten.

Lediglich das 25-jährige Vereinsjubiläum wurde im Dezember 1937 in schlichtem Rahmen begangen.

Trotzdem wurde selbstverständlich auch bis zum Ausbruch des 2. WK im TVG noch geturnt, Handball gespielt, und Leichtathletik betrieben. Das größte Ereignis war das im Mai 1933 hier abgehaltene Bezirksturnfest mit über 250 Teilnehmern aus dem lippischen Südosten. Bei dieser Gelegenheit ist auch erstmals die Rede von den heutigen Vereinsfarben. Die bewusst getroffene Farbwahl der schlichten Fahne, die am „Höpper-Anger“ für den TVG wehen sollte, wurde so begründet:

„Am Bezirksturnfest soll am Sportplatz eine grün-weiße Fahne aufgehangen werden, die Schneider Hermann Keuper liefern soll. Das Grün steht dabei für den grünen Rasen der Handballer, das Weiß für die Turner.“

So sind also unsere heutigen Vereinsfarben entstanden!

Aufgrund der weiter voranschreitenden „Neuordnung des deutschen Sports“ ging nach 1933 jedoch allmählich die Blütezeit des Turnens im TVG zu Ende. Denn im Oktober 1933 wurde der Lippische Turngau als „Turnkreis Lippe“ in den benachbarten Bezirk Minden überführt. Fahrten zu Wettkämpfen und Begegnungen mit Vereinen aus dieser großen Organisationseinheit wurden dadurch nahezu unmöglich.

Eine derartige Zusammenfassung mit anderen Bezirken betraf schon bald auch die Handballer – mit ähnlich schwerwiegenden Folgen für dieses jüngste Kind des TVG. Als ab 1938/39 im Zuge einer massiven Aufrüstung und Mobilisierung zudem ständig mehr Spieler zur Wehrmacht einberufen wurden, wurde es auch um den Handball im TVG stiller.

Die Schüler, Jugendlichen und jungen Männer wurden außerdem vom pflichtgemäßen Reichsarbeitsdienst oder der Hitler-Jugend in Anspruch genommen, so dass auch der Nachwuchsbereich allmählich abschmolz.

Als mit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 der 2. WK begann, musste schon im September der Turnbetrieb endgültig aufgegeben werden. Der Serienspielbetrieb der Handballer wurde Anfang 1940 kriegsbedingt eingestellt. Es fanden allerdings manchmal noch Freundschaftsspiele statt, vor allem wenn Vereinsmitglieder aufgrund eines Fronturlaubes einige Tage im Dorf waren.

Ähnlich wie schon im 1. WK blieben dem TVG bald nur noch die ganz jungen und die ganz alten Mitglieder erhalten. Aufgrund des verkündeten „Totalen Krieges“ kamen 1943 für mehr als drei Jahre auch diese letzten Reste des Vereinslebens völlig zum Erliegen.

Als das Deutsche Reich am 8. Mai 1945 endgültig kapituliert hatte, war in Lippe der Krieg schon seit Monaten vorbei. Trotz Versorgungsengpässen und vielen Tausend Neubürgern aus den vom Krieg stärker zerstörten Regionen, konnte man sich hier auf dem Lande entgegen entsprechender Verbote mit Wurst- und Fleischwaren als Zahlungs- und Tauschmittel recht gut über Wasser halten.

In Detmold hatte sich die Britische Militärregierung als Besatzungsmacht eingerichtet und überwachte in dieser Funktion auch die Neu- oder Wieder-gründung von Turn- und Sportvereinen.

Da jeder Verein unter dem Vorbehalt einer Zusammenarbeit mit dem Hitler-Regime stand, wurden zunächst alle Turn- und Sportaktivitäten streng überwacht. Neugegründete oder ihr Vereinsleben wieder aufbauende Vereine mussten von der Militärregierung genehmigt und vor Ort vom Bürgermeister kontrolliert werden.

So war es auch beim TVG, der am 12. Januar 1946 offiziell wieder ins Leben gerufen wurde, nachdem sämtliche Überlebende des Krieges wieder zu Hause waren. Erneut hatten mehr als 20 Vereinsmitglieder den Krieg nicht überlebt. Der TVG ging daher mit 37 erwachsenen und 13 Jugendlichen an den Wiederaufbau des Vereinslebens.

Der rasche und erfolgreiche Aufschwung in der Nachkriegszeit hatte nicht zuletzt seinen Grund in der großen personellen Kontinuität: Nachdem Wilhelm Schröder im Juli 1947 aus Krankheitsgründen den Vorsitz abgab, übernahm Wilhelm Hilmert senior bis 1963 als Vorsitzender die Verantwortung. An die „Ära Hilmert“ schlossen sich von 1963 bis 1977 mit Friedel Winter die „Ära Winter“ und von 1977 bis 1993 mit Udo Pälike die „Ära Pälike“ an.

Auch die übrigen Vorstandsämter waren nach der Phase des Wiederaufbaus von langen Amtszeiten gekennzeichnet: Hier stechen Willi Fasse hervor, der für mehr als 30 Jahre – von 1958 bis 1993 – die Geschäftsführung übernahm, und die Kassenführung des TVG, die von 1948 bis 1965 in den Händen von Wilhelm Brinkmann lag und danach für genau 30 Jahre von Manfred Trachte übernommen wurde.

In den ersten Jahren nach dem 2. WK waren es in erster Linie „Alltags-probleme“, die der Verein zu lösen hatte. Vor allem die Fahrten der Hand-baller zu Auswärtsspielen konnten nur mit viel Improvisationskunst bewältigt werden. Da kaum Autos und noch weniger des nach wie vor rationierten Benzins zur Verfügung standen, wurden Fahrten bis nach Hillentrup, Lemgo oder gar Schwalenberg fast immer mit dem Rad erledigt. Dort angekommen war man als Spieler schon gut aufgewärmt!

Für die Spiele der 1. Mannschaft, die schon in der Saison 1946/47 um den Aufstieg in die Bezirksklasse mitspielte, mussten aber schon aufgrund des überwältigenden Zuschauerinteresses größere Wagen gemietet werden, um nach Grastrup, Lage oder Detmold zu kommen. Schließlich bedeuteten solche Ausflüge nach dem Krieg auch die Möglichkeit, einmal weiter aus dem Dorf herauszukommen und einen Teil der täglichen Sorgen eine Zeit lang zu vergessen.

Auf einem noch aus Kriegszeiten stammenden LKW der Firma Köhne aus Blomberg konnten mitsamt einem Anhänger 70 bis 80 Personen auf offener Ladefläche stehend transportiert werden. Da dieser TVG-Express statt eines Dieselmotors noch mit einem Holzvergaser betrieben wurde, brachten Zuschauer und Spieler auch schon mal einen Arm voll Holz, das sogenannte Tankholz, mit! Und manche Anwurfzeit musste nach hinten verlegt werden, wenn unterwegs noch im Wald angehalten werden musste, um frisches Tankholz für die Weiterfahrt zu sammeln... Als Bezahlung für die schaukelnde Freiluftfahrt reichte auch schon mal die ein oder andere deftige Mettwurst.

Mit diesem Gespann fuhr der TVG in der Nachkriegszeit durchs Lipperland!

Um für die Heimspiele bessere Bedingungen zu schaffen, musste der Vorstand sehr schnell handeln. Der „Höpper-Anger“ war aufgrund der fehlen-den Nutzung und Pflege während des Krieges zusehends verfallen. Schon im Januar 1946 wurde erneut die alte Mergelkuhle in Erdbruch gepachtet, die schon in den 20er Jahren als Sportgelände gedacht gewesen war. Diesmal gelang es dem Verein durch heute kaum vorstellbare Eigenleistungen und freiwillige Arbeitsstunden der Mitglieder und Spieler, in kurzer Zeit eine mustergültige Platzanlage zu erstellen.

Durch den Einsatz in rund 11.000 Arbeitsstunden, in denen über 1600 Kubikmeter Sand, Steine und Erde von Hand bewegt wurden, war im August 1946 der heutige Sportplatz in Erdbruch entstanden. Finanziert wurde das ganze durch Spenden der Großenmärper und Erdbrucher Bevölkerung: rund 5600 Reichsmark sammelten Vorstandsmitglieder und Spieler beider Handballmannschaften.

Mitsamt den Folgearbeiten wie Umzäunung, Toren und Hinweisschildern kostete die Baumaßnahme rund 4000 Mark, sodass der TVG mit einem Spendenüberschuss in die Wiederaufbaujahre gehen konnte.

Selbst Umkleidemöglichkeiten, erste sanitäre Anlagen und sogar die Tribünen an der Hangseite nach Wöhren fehlten nicht. Entsprechend groß war die Anteilnahme des gesamten Dorfes an der feierlichen Platzeinweihung am 1. September 1946.

Dazu dichtete Oberturnwart Hugo Sengebusch in einer Festzeitung:

„Von weit und breit kam’s Volk heran,

Oma, Opa und die Göhren,

der Zehntausendste stand hinter Wöhren!“

Nun waren für die Heimspiele der mittlerweile drei Handballmannschaften ideale äußere Bedingungen geschaffen.

Und nach der Währungsreform vom Juni 1948 besserte sich auch die Finanzlage des Vereins zusehends. Es wurde nun wieder neben dem Weihnachtsball auch ein jährliches sommerliches „Spielerfest“ gefeiert, das außer Geselligkeit und Spaß auch die neue, „harte“ D-Mark einbrachte.

Mit dem Aufstieg unserer Handballer in die Bezirksklasse begann 1948 eine recht erfolgreiche Zeit. Entscheidenden Anteil daran hatten spielstarke Auswärtige, die als Kriegsflüchtlinge und Ausgebombte nach Großenmarpe gekommen waren. So wurde die 1. Mannschaft beispielsweise erheblich durch Walter Tepahs verstärkt, der mit seiner Familie aus Bottrop nach Lippe gekommen war. Auch ein Hans Doempke war bald nicht mehr aus der Mannschaft weg zu denken. Beide waren so stark, dass sie schon 1947 in die lippische Kreisauswahl berufen wurden.

Im Jugendbereich war es in dieser Zeit vor allem Karl Hornberg, der gebürtig aus Köln stammte, und im Turnbereich Hugo Sengebusch, ein Ruhrgebiets-flüchtling aus Gelsenkirchen. Sie leisteten im TVG hervorragende Aufbau-arbeit und sind Belege für die Integrationskraft eines Turnvereins, der sich allmählich zu einer Art „Familie“ entwickelte.

Nach dem Altersumbruch in der 1. Handballmannschaft konnte die Jugend-mannschaft, die 1953 Lippischer Meister geworden war, aufgrund der kontinuierlichen Nachwuchsarbeit fast geschlossen in die Männermannschaft übernommen werden. Bis in die 60er Jahre hinein bildeten Männer wie Manfred Trachte, Willi Stoll, Gustav Bracht, Wolfgang Franz, Helmut Pachel, Siegfried Wortmann, Heinz „Hansa“ Hellmeier und Gerhard Nitschmann den Stamm der 1. Mannschaft.

Noch immer stand der Feldhandball im Vordergrund, aber seit den späten 60er Jahren wurden als Ergänzung zur Feldserie während der Winterpause auch Meisterschaftsspiele in der Halle ausgetragen. Um sich darauf vorbereiten zu können, fehlte allerdings in Großenmarpe nach wie vor eine turniergerechte Sporthalle. Das nötige Training wurde deswegen in der kleinen Blomberger Halle oder in Eichholz-Remmighausen absolviert – am Sonntagmorgen zwischen 7 und 9 Uhr!

Sicher auch aufgrund dieser Rahmenbedingungen belegte der TVG in der Hallenserie nur mittlere Plätze.

Erst nach dem Bau der Turnhalle an der Grundschule im Jahr 1966 erfolgte allmählich in sämtlichen Altersklassen die Umstellung auf das heutige Hallenhandballspiel. Der endgültige Durchbruch im Männerbereich – und damit das Ende des Feldhandballs - gelang jedoch erst mit dem Bau der Großraumsporthalle in Blomberg zu Beginn der 70er Jahre.

Damit begann im TVG-Handball die Zeit, die unter Trainer Paul Lesemann mit dem Aufstieg der 1. Mannschaft in die Landesliga gekrönt wurde – dieses Ereignis und die mehrtägigen Feiern im und um das Vereinslokal sind uns allen wohl noch in bester Erinnerung!

Im Turnen sah es nach dem 2. WK längere Jahre recht düster aus. Obwohl insbesondere die älteren Mitglieder sich schon bei der Wiederaufnahme des Vereinsbetriebes gewünscht hatten, dass nicht nur Handball gespielt werden solle, konnten Turnwart Sengebusch und Jugendwart Hornberg nur immer wieder über den mäßigen Zuspruch zu den Turnabenden klagen.

So waren es zu Beginn der 50er Jahre nur noch 5 bis 6 „Getreue“, die den Kern des Männerturnbetriebes im TVG ausmachten: Werner Viedt, Fritz Machendanz, Hugo Sengebusch, Eno Möller (der „nebenbei“ noch in der 1. Mannschaft erfolgreich Handball spielte) und Willi Schröder. Sie stellten auch den Großteil der Bezirksriege des Turnbezirks Blomberg.

Nachdem gegen Ende der 50er Jahre auch die letzten beiden Turner des TVG – Viedt und Machendanz – ihre aktive Laufbahn beendet hatten, lag das Männerturnen vollkommen brach.

Im Gegenteil dazu konnten nun verstärkt die weiblichen Vereinsmitglieder auf sich aufmerksam machen. Schon im Mai 1946 war erstmals eine eigene Damenabteilung entstanden, die sich nun auch auf Dauer hielt. Bereits im Januar 1947 waren 24 Frauen und Mädchen im TVG aktiv, denen mit Hugo Sengebusch ein fachkundiger Übungsleiter zur Seite stand, der bald auch eine Schülerinnenabteilung ins Leben rief.

Aber es wurde nicht nur geturnt: die TVG-Damen beteiligten sich auch an Leichtathleitk-Wettkämpfen des damaligen Turn- und Sportbundes Kreis Detmold.

Aus Anlass eines Staffellaufes im Mai 1951 ließ sich ein Großteil der FRAUENABTEILUNG ablichten.

Nach dem Weggang Sengebuschs übernahmen die Frauen selbst die Initiative. Am Weihnachtsturnfest 1954 beteiligten sich erstmals in der Vereinsgeschichte ausschließlich Frauen und Schülerinnen des TVG mit tänzerischen und turnerischen Vorführungen.

Um dem Nachwuchs neue und moderne Angebote machen zu können, engagierte der Verein im November 1959 eine ausgebildete Fachfrau im Turnen: Gerhild Droegenkamp aus Blomberg leitete fortan die Turnerinnen- und Schülerinnenabteilung. Da sich nun auch Werner Viedt stark im Nachwuchs-Turnen engagierte, konnte in der Jahres-Hauptversammlung 1960 berichtet werden, das erstmals nach dem 2. WK in allen Altersklassen wieder geturnt werde.

Das entsprechende Fachwissen eigneten sich Viedt, Elfriede Micke und Frauke Fischer in den 60er Jahren in den nun vermehrt angebotenen Übungsleiter-Lehrgängen an. Sie waren damit die ersten Übungsleiter und –leiterinnen, für deren Ausbildung der TVG auch Zuschüsse vom LSB NRW und anderen Stellen erhielt.

So konnte in den 60er und 70er Jahren das traditionsreiche Weihnachts-turnen von einer immer größeren Zahl von Vereinsmitgliedern gestaltet werden. Wer erinnert sich nicht gern an die abwechslungsreichen Darbietungen in der fast immer überfüllten Grundschulturnhalle zurück?

Diesen Aufschwung spiegeln nicht zuletzt die stetig steigenden Mitgliederzahlen. Nachdem 1960 die Zahl 100 erreicht worden war, zählte der TVG 1965 bereits 138 Mitglieder. Dieser Zustrom war vor allem weiblichen Neumitgliedern zu verdanken.

Der für den dörflichen Turnverein bedeutendste Entwicklungsschub setzte jedoch mit dem Bau der ersten „echten“ Sporthalle in Großenmarpe im Jahr 1966 ein. Nach über 10 Jahren Verhandlungen und Planungen mit dem Kreis Detmold, dem Land NRW sowie der Stadt Blomberg, die hauptsächlich von Wilhelm Stoll senior als Ratsmitglied und Wilhelm Hilmert senior geführt wurden, konnte nach knapp 2-jähriger Bauzeit im Januar 1966 endlich die lang ersehnte Turnhalle eingeweiht werden.

Dies bedeutete für den TVG, dass sich in kurzer Zeit neue Abteilungen bildeten, wie etwa die „Hausfrauenriege“ und die „Alt-Herren-Gruppe“ als Vorläufer der heutigen „Duschriege“.

Kurzum: Es kamen nun auch Männer und Frauen in die Turnhalle und zum TVG, die den Sport bisher nur vom Zuschauen kannten.

In nur einem Jahr konnte der Verein über 70 neue Mitglieder gewinnen und zählt seit 1967 erstmals in der Geschichte über 200 Mitglieder. Gemessen an der Einwohnerzahl Großenmarpes – damals rund 1000 – bedeute dies, dass rund jeder 5. Bürger Mitglied im TVG war!

Unter den Vorzeichen einer ersten verstärkten Trimm-Dich und Fitnesswelle setzten die vielen ehrenamtlichen Übungsleiter und –leiterinnen in den 70er Jahre ihre erfolgreiche Arbeit fort. Auch die Lehrer der Grundschule, allen voran Schulleiter Ottomar Demmler, arbeiteten nun wieder eng mit dem Verein zusammen.

Das Ergebnis des Turnhallenbaus und ständig erweiterter Übungs- und Freizeitangebote wie Volkstanz- und Wandergruppe, Fahrten zu Bundesliga-Handballspielen, Zeltlager der Jugendlichen, lassen sich an den Mitgliederzahlen ablesen: Als unser Jubilar mit 65 Jahren 1977 sozusagen ins Rentenalter kam, war die Schallmauer zu 300 Mitgliedern bereits durchbrochen. Damit galt der TVG erstmals nicht mehr als Kleinverein, sondern nach offizieller Lesart als „mittelgroßer Sportverein“. Mehr als 1 Viertel der Ortsbevölkerung waren damit im TVG organisiert. Und auch der altersmäßige Unterbau war gesund. Von 313 Mitgliedern war ein Drittel unter 25 Jahre alt.

Seit dem im Zuge der Kommunalen Neugliederung die bis dahin getrennten Kreise Detmold und Lemgo am 1. Januar 1973 zum Kreis Lippe zusammen gelegt wurden, und Großenmarpe ein Ortsteil der Großgemeinde Blomberg war, ist der TVG als „sportliches Nebenzentrum“ der Stadt Blomberg bekannt.

Schon in den 70er Jahren war unser Dorfverein hinter dem TV Blomberg der mitgliederstärkste Bestandteil des 1970 gegründeten Sportrings Blomberg, dem zusammen 19 Vereine mit 3600 Mitgliedern angehörten.

Damit startete der TVG als heute 90-jähriger Jubilar zu Beginn seines Rentenalters zugleich in eine neue, heute noch lebendige Epoche.

Von vielen Wandlungen, Veränderungen und Neuanfängen war bei dieser Reise durch die Vergangenheit des TVG die Rede. Doch manches ist trotz allem während der Jahrzehnte der Vereinsgeschichte gleich geblieben:

Der Turnverein spielt nach wie vor eine herausragende Rolle für das Gemeinschaftsleben in Großenmarpe – und das auch außerhalb der Spielfelder und jenseits von Tabellen und Ergebnissen. Im Laufe der Jahre ist eine Art „Vereinsfamilie“ gewachsen, die sich ständig erweitert und vergrößert hat. Getragen aber wird diese Familie nach wie vor von vielen ehrenamtlich und unermüdlich tätigen Frauen und Männern, deren Engagement für jeden Verein gar nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Und noch eines ist während dieser langen Zeit der Vereinsgeschichte gleich geblieben: unser Vereinslokal war und ist der Dreh- und Angelpunkt des geselligen Vereinslebens, eine Art „Nachrichtenbörse“, die heute noch meistens aktueller als der Vereinskasten ist.

Es unterstreicht wohl die Bedeutung des heutigen „Marpetal“, dass wir heute an gleicher Stelle sitzen, an der vor fast genau 90 Jahren im Dezember 1912 der Turnverein Großenmarpe-Erdbruch gegründet wurde.

In diesem Sinne auch von mir:

Herzlichen Glückwunsch TVG – zum 90-jährigen Bestehen und zu 70 Jahren Handballsport!

Vielen Dank für Ihre und Eure anhaltende Aufmerk

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